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Paradigmenwechsel in der EZ, Strukturpolitik und nachhaltige Entwicklung

Reinold E. Thiel, InWent, Chefredakteur von "E+Z" Entwicklung und Zusammenarbeit
Paradigmenwechsel in der EZ, Strukturpolitik und nachhaltige Entwicklung / Reinold E. Thiel, InWent, Chefredakteur von "E+Z" Entwicklung und Zusammenarbeit / Zusammenfassung | f.ize | Forum Internationale Zusammenarbeit für Nachhaltige Entwicklung


09.03.2004, 19:00 Uhr
GTZ-Haus, Reichpietschufer 20


Einleitende Frage FIZE Gibt es klar fassbare Paradigmen in der Entwicklungspolitik? Wenn ja – welche?

R. Thiel Man muss aufpassen, dass man nicht von Paradigmen spricht, wenn es sich nur um Moden handelt (Hertz: »Moden in der Wirtschaftspolitik«, in: DIE ZEIT, 4.3.2004). Ein Beispiel für ein wirkliches Paradigma ist die Kapitalmangel-These von W. W. Rostow: Jahrzehntelang wurde, nach den Thesen seines Buches »Stadien wirtschaftlichen Wachstums«, Kapitalmangel als Hindernis und eine hohe Sparquote als Voraussetzung für wirtschaftliche Entwicklung gesehen. Kapitalzufuhr hatte die Probleme im Nachkriegs-Europa gelöst (Marshall-Plan), Entwicklungspolitik sollte parallel dazu unternommen werden. Dieses Projekt ist jedoch gescheitert: In 50 Jahren sind 1000 Milliarden US-Dollar in Entwicklungsländer geflossen; aber nur die Newly Industrialized Countries (NICs) in Ostasien haben eine wirtschaftliche Entwicklung gehabt, die afrikanischen Staaten sind jedoch ärmer als zuvor, in Lateinamerika hat sich die Wirtschaft zurückentwickelt.

Die Ursache für die Entwicklung in Japan, Südkorea, Taiwan und den anderen NICs war nicht Kapitalzufuhr: Sie haben eine Bodenreform durchgeführt – diese war grundlegend für die wirtschaftliche Entwicklung der Staaten. Dieter Senghaas (»Von Europa lernen«) zieht anhand des Kontrastes der wirtschaftlichen Entwicklung Neuseeland/Uruguay den Schluss, dass eine Bodenreform zur Entstehung von Kaufkraft führt und diese zu industrieller Entwicklung.

Alles entscheidend ist letztendlich die Schaffung von entwicklungsfördernden bzw. entwicklungsbegünstigenden Institutionen: Spielregeln einer Gesellschaft, geschriebener oder traditioneller – oder auch das Denken in einer Gesellschaft). Die Kapitalmangel-Theorie kann damit theoretisch widerlegt werden: Grundlegend für Entwicklung sind Institutionen und nicht Kapital. Die »Theorie des institutionellen Wandels« von Douglass North sowie »Die Protestantische Ethik« von Max Weber bieten hier grundlegende Erkenntnisse.

Das ist ein wirklicher Paradigmenwechsel: von Rostow zu North, von der Kapitalmangel-Theorie zu dem Institutionen-Ansatz. Aber solche Paradigmenwechsel sind selten, sie kommen einmal in Jahrzehnten vor; das meiste, was man so nennt, sind nur Moden.

Frage FIZE Kolonialismus ist im Grunde auch schon ein Paradigma – hat sich da wirklich etwas gewandelt? Ergänzung: Planung und Steuerung hat seit den 1960er Jahren nichts gebracht. In Deutschland haben die USA wirtschaftliche Entwicklung durch ihren Marshall-Plan hervorbringen können.

Antwort Thiel Zu kurz gegriffen – die Grundlagen für die wirtschaftliche Entwicklung in Deutschland wurden seit der Industriellen Revolution gelegt. Der Marshallplan konnte auf den bestehenden Grundlagen aufbauen. Industrielle Entwicklung fand hier aus eigenem Potenzial statt – eine Veränderung des Denkens war nicht nötig (Verweis zur »Protestantischen Ethik«).

Das prosperierende Südostasien hat etwas Ähnliches wie die »Protestantische Ethik«. Spekulationen über Konfuzianismus, japanischen Zen-Buddhismus etc. gehen von einer parallelen Denkstruktur im asiatischen Raum aus (Literatur: Morishima: »How Japan succeeded«).

Die Frage ist: wenn diese Institutionen nicht vorhanden sind wie im asiatischen Raum, kann man sie dann künstlich schaffen? Nein, aber man kann vorhandene Institutionen so nutzen, dass wirtschaftliche Entwicklung möglich wird. North sieht da die Schaffung von Verfügungsrechten (»Property Rights«) als grundlegend an. Beispiel Afrika: hier werden Property Rights durch einen »Teilungszwang« untergraben (wer selbst viel erwirtschaftet, hat Schwierigkeiten, sein Kapital zu re-investieren, er muss es mit anderen teilen) – Wohlstandsmehrung wird so unmöglich gemacht. Aber wenn es allen besser gehen würde, dann wäre das Problem aufgehoben.

NachFrage FIZE Können diejenigen das nicht alleine hinkriegen?

Antwort Thiel Haben sie bisher nicht.

Frage FIZE Welche Bedeutung haben die internationalen Handelsbeziehungen in Südostasien?

Antwort Thiel Die Handelsbeziehungen sind wesentlich für deren wirtschaftliche Entwicklung. Ihr Protektionismus hat sie vor fatalen Freihandel bewahrt - ihre Zollgrenzen schützten sie vor der handelspolitischen Übermacht der USA.

Frage FIZE Welche Rolle spielen da die Öl-Staaten?

Antwort Thiel Die Öl-Staaten haben ihren Aufstieg bereits hinter sich. Das kann man zeigen an Saudi Arabien, das nach Ölpreiserhöhung Mitte der 70er Jahre sehr reich war, inzwischen aber hochverschuldet. Man muss sein Kapital auch sinnvoll anlegen und nicht nur konsumieren.

Frage FIZE Wie ist in diesem Zusammenhang die Idee eines »Globalen Marshall-Plans« zu sehen?

Antwort Thiel Wenn diese Idee nur stärkere Kapitalzufuhr bedeutet, dann greift sie zu kurz. Entwicklung gibt es nur, wenn die Institutionen funktionieren.

Frage FIZE Ist eine solche von Ihnen angenommene wirtschaftliche Entwicklung unter globalisierten Rahmenbedingungen heute überhaupt noch möglich – spielen heute die veränderten globalen Rahmenbedingungen nicht die entscheidende Rolle?

Antwort Thiel Das Freihandels-Paradigma verhindert Entwicklung, weil es vor allem dazu führt, dass die Märkte der unterentwickelten Länder für Importe aus den industriellen Ländern geöffnet werden – das verhinderte die eigene Industrialisierung dieser Länder. Es gibt ohne Zweifel globale auch Voraussetzungen für wirtschaftliche Entwicklung; seit etwa 20 Jahren ist jedoch verstärkt auf die Bedeutung der internen Ursachen hingewiesen worden (u.a. Erscheinen der Weltbank-Langzeitperspektivstudie über Sub-Sahara-Afrika, Anmerkung des Protokollanten).

Frage FIZE Zu dem Problem des »Teilzwangs« und der von Ihnen genannten Lösung, dass es allen gleichzeitig besser gehen könnte - einerseits besteht die Konsenspflicht als Hemmschwelle. Andererseits fehlen Anreizstrukturen. Muss Entwicklungszusammenarbeit nicht viel stärker unter dem Motto »Hilfe zur Selbsthilfe« laufen, also wo ich selbst auch etwas mache, da bekomme ich auch Unterstützung?

Antwort Thiel Ja. Dazu muss vorher ein System eingeführt werden, dass diese Eigeninitiative hervorbringt.

Frage FIZE Zur genannten notwendigen Bodenreform – wie sollen Entwicklungsländer diese alleine durchführen? Wie ist Korruption zu vermeiden?

Antwort Thiel Der politische Wille ist entscheidend – in Ländern wie Japan und Korea hat es funktioniert.

Frage FIZE Sie verfolgen eine bloß kulturalistische Argumentation. Dabei gibt es viele andere Gründe, die wirtschaftliche Entwicklung viel stärker beeinflussen. Ressourcen zum Beispiel entscheiden doch maßgeblich über die Entwicklung eines Landes. Und zwar insofern, als ein Land, das rohstoffreich ist, sich entwickeln kann oder - wenn es rohstoffarm ist - sich entwickeln muss. Wenn Arbeitskraft als einziger Rohstoff vorhanden ist, dann ist eine industrielle Entwicklung notwendig.

Auch haben die von Ihnen genannten Staaten zum Teil Militärführer regiert, die von demokratischen Institutionen nichts gehalten haben.

Antwort Thiel Das klingt so herablassend – als sei die Kultur eines Landes nicht maßgeblich für dessen Entwicklung verantwortlich! – Zu den Ressourcen: Einige Länder ohne Rohstoffe (die Schweiz, Korea) haben sich entwickelt, andere nicht, vor allem die afrikanischen. Es ist richtig, dass die NICs durchweg diktatorisch regiert wurden, als sie ihre wirtschaftliche Entwicklung vollzogen. Das heißt aber nicht, dass jedes diktatorische Land eine Chance auf Entwicklung hat. Wichtig ist, dass es in all diesen Ländern wirtschaftliche Planungsgremien gegeben hat, nach dem Modell des japanischen MITI. Das ostasiatische Modell ist das einer geplanten Privatwirtschaft. Diktatorische Regierungen, die so etwas nicht machten, haben nur ihr Land ausgeplündert. Die internen Voraussetzungen müssen gegeben sein: die oben genannten Institutionen

Frage FIZE Wann wird der Blick mal auf uns fallen im Sinne einer Selbstkritik? Hier muss doch eine Entwicklungspolitik geschehen!

Antwort Thiel Wirtschaftlich haben wir uns bereits entwickelt, das Wissen und die Institutionen waren vorhanden. Die Entwicklung, die wir jetzt bräuchten, wäre die zu einer nachhaltigen, d.h. einer weniger gierigen Wirtschaft. In den Entwicklungsländern wird auch wenn die externen Faktoren stimmen, also die Industrieländer die Entwicklungsländer anders behandeln, die wirtschaftliche Entwicklung nicht vorankommen, solange es nicht zu institutionellen Reformen kommt.

Frage FIZE Hat sich die globale Konstellation nach Cancun (letzte WTO-Runde, die eine Entwicklungsrunde werden sollte, Anmerkung des Protokollanten) verändert?

Antwort Thiel Ja, die Entwicklungsländer haben zum ersten Mal ihre eigene Interessen gemeinsam vorgetragen und die WTO-Runde zum Platzen gebracht. Nur haben die IL die Forderungen der EL (z.B. Abbau der Agrarsubvention en in den IL) auch weiterhin nicht erfüllt.

Frage FIZE Werden Leitbilder und Paradigmenwechsel nicht eher dazu benötigt, Öffentlichkeitsarbeit für die EZ zu leisten und so für mehr Legitimität in den Geberländern zu sorgen?

Antwort Thiel Die Entwicklungshilfe ist im Grunde völlig machtlos zu Hause – dort entscheidet die Durchsetzbarkeit. Keine Partei übernimmt unser Konzept, nachhaltige Entwicklung wird de facto von keiner Bundesregierung gefördert.

Frage FIZE These: Es hat nie einen Paradigmenwechsel gegeben. Er ist aber nötig: dem westlichen Modell des Kapitalismus sind natürliche Grenzen gesetzt. Der Brundtland-Report »Unsere gemeinsame Zukunft« belegt das.

Antwort Thiel Ein Beispiel gibt Mamadou Dia mit seinem Buch (s.u.): sein Konzept einer »Ökonomie des Genug« geht in diese Richtung.

Weitere Literatur (bitte bei Interesse eigene Recherche)

  • »Die Bedeutung der Neuen Institutionenökonomik für die Entwicklungsländer«

  • »Beyond the Washington Consensus: institutions matter«

  • Mamadou Dia: »Africa's Management in the 1990s and Beyond«

  • DFID: »Promoting institutional & organisational Development«


zusammengefasst von Isabelle Gras


Für diese Veranstaltung verantwortlich:
Isa Gras und Julia Hartmann


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